Bienen Naef
Varroaresistenz

Varroaresistenz: Was wir von Paul Jungels lernen können

Gezielte Zucht statt dauerhafter Varroabekämpfung: Der Luxemburger Buckfastzüchter Paul Jungels zeigt, wie sich die natürliche Widerstandskraft unserer Honigbienen über Generationen verbessern lässt. Seine Erfahrungen eröffnen interessante Perspektiven für die Zukunft der Imkerei.

Andreas Naef14. Oktober 202610 min Lesezeit
Varroaresistenzzucht: Untersuchung und Auszählung von Bienenbrut unter dem Mikroskop.

Die Varroamilbe gehört seit Jahrzehnten zu den grössten Herausforderungen der Imkerei. Sommerbehandlungen, Winterbehandlungen und verschiedene biotechnische Massnahmen sind für die meisten Imkerinnen und Imker fester Bestandteil des Bienenjahres. Doch muss das dauerhaft so bleiben?

Der Luxemburger Berufsimker und Buckfastzüchter Paul Jungels beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dieser Frage. Im Rahmen des Deutschsprachigen Imkerkongresses 2026 in Dresden erläuterte er, wie er gemeinsam mit seinem Sohn Victor eine Bienenpopulation aufgebaut hat, die nach seinen Angaben inzwischen weitgehend ohne Varroabehandlungen auskommt. Seine wichtigste Botschaft: Behandlungsfreie Imkerei beginnt nicht mit dem Weglassen von Behandlungen, sondern mit konsequenter Zuchtarbeit.

Video: Paul Jungels über Varroaresistenz und behandlungsfreie Imkerei

▶ Vollständigen Vortrag auf YouTube ansehen

Varroaresistenz muss genetisch vorhanden sein

Als sich die Varroamilbe in den 1980er-Jahren in Europa ausbreitete, waren die meisten Bienenvölker dem Parasiten praktisch schutzlos ausgeliefert. Jungels betont, dass die damals eingeführten Behandlungsmethoden notwendig waren, um massive Völkerverluste zu verhindern. Die Ausgangslage hat sich inzwischen verändert. In verschiedenen Zuchtprogrammen ist es gelungen, die natürlichen Abwehrmechanismen unserer Honigbienen gezielt zu verbessern.

Eine zentrale Erkenntnis aus Jungels' langjähriger Zuchtarbeit lautet:

Man kann nichts herauszüchten, was nicht in der Population ist.

Die für eine Varroaresistenz erforderlichen genetischen Eigenschaften müssen in einer Bienenpopulation bereits vorhanden sein. Fehlen sie oder sind sie nur schwach ausgeprägt, lässt sich allein durch das Weglassen von Behandlungen keine zuverlässige Resistenz erzielen. Jungels plädiert deshalb dafür, vorhandene Resistenzmerkmale gezielt zu verstärken und bei Bedarf geeignete Genetik aus anderen Zuchtlinien einzukreuzen. Anschliessend können die gewünschten Eigenschaften einer Bienenherkunft durch weitere Selektion wieder gefestigt werden. Dieses Vorgehen ist nicht auf Buckfastbienen beschränkt, sondern lässt sich grundsätzlich auch bei Carnica, Mellifera und anderen Herkünften anwenden.

VSH: Wenn Bienen die Varroamilbe selbst bekämpfen

Ein wichtiger Mechanismus der Varroaresistenz ist die sogenannte Varroa Sensitive Hygiene (VSH). Dabei erkennen Arbeiterinnen bestimmte Brutzellen, in denen sich Varroamilben vermehren. Die Bienen öffnen diese Zellen und entfernen die befallene Brut. Auf diese Weise wird der Vermehrungszyklus der Milben unterbrochen.

Besonders interessant ist der Zeitpunkt dieses Verhaltens. Jungels beobachtet, dass ausgeprägt resistente Völker befallene Brutzellen bereits in einem frühen Puppenstadium ausräumen, häufig wenn die Puppen noch weisse Augen haben. Dadurch werden Milbenfamilien in ihrer Entwicklung gestört, bevor sich neue Milbengenerationen erfolgreich vermehren können.

Allerdings ist VSH nicht mit allgemeiner Bruthygiene gleichzusetzen. Die Fähigkeit, kranke oder abgestorbene Brut zu erkennen und auszuräumen, ist seit Langem ein wichtiges Selektionsmerkmal in der Bienenzucht. Mit dem Nadeltest oder dem Flüssigstickstofftest lässt sich dieses allgemeine Hygieneverhalten untersuchen. Jungels berichtet jedoch, dass die Selektion auf allgemeine Bruthygiene in seinem Betrieb allein nicht zum gewünschten Erfolg bei der Varroaresistenz geführt hat. Ein Volk, das abgestorbene Brut besonders schnell entfernt, muss nicht automatisch auch Varroamilben in verdeckelten Brutzellen zuverlässig erkennen. Die beiden Eigenschaften sind verwandt, aber nicht identisch.

Die entscheidende Rolle der Drohnen in der Resistenzzucht

Ein besonders interessanter Teil des Vortrags beschäftigt sich mit der genetischen Vererbung der Resistenz. Eine Bienenkönigin paart sich normalerweise mit mehreren Drohnen. Das daraus entstehende Volk besteht deshalb aus verschiedenen Gruppen von Halbschwestern mit unterschiedlicher väterlicher Herkunft. Was wir als Imker beobachten, ist das Verhalten und die Leistung des gesamten Bienenvolkes. Dieses Erscheinungsbild wird als Phänotyp bezeichnet.

Das Problem für die Zucht besteht darin, dass ein Volk sehr gute Eigenschaften zeigen kann, obwohl nicht alle Arbeiterinnengruppen dieselben genetischen Voraussetzungen besitzen. Bei einer Nachzucht können deshalb Eigenschaften wieder abgeschwächt auftreten oder verloren gehen. Genau hier setzt Jungels mit seiner Zuchtmethodik an.

SDI: Besamung mit einem einzigen Drohn

Um die genetischen Zusammenhänge besser sichtbar zu machen, arbeitet Jungels mit der Single Drone Insemination (SDI). Dabei wird eine Königin instrumentell mit dem Sperma eines einzigen Drohns besamt. Damit haben alle Arbeiterinnen dieselbe Mutter und denselben Vater. Die genetische Zusammensetzung der Nachkommenschaft wird dadurch wesentlich übersichtlicher, was die gezielte Selektion bestimmter Resistenzmerkmale erleichtert.

Jungels beschreibt ein Zuchtverfahren, bei dem jährlich etwa 60 bis 70 Königinnen auf diese Weise besamt und anschliessend in standardisierten Prüfvölkchen untersucht werden. Die SDI-Besamung dient dabei in erster Linie als Werkzeug zur genetischen Selektion. Für leistungsfähige Wirtschaftsvölker und eine breite genetische Basis bleiben kontrollierte Verpaarungen mit mehreren Drohnen wichtig.

Ein weiterer entscheidender Punkt ist die konsequente Auswahl der Drohnenlinien. Jungels verwendet für die weitere Zucht ausschliesslich Drohnenvölker, deren Resistenz zuvor überprüft wurde. Dabei genügt es ihm nicht, dass ein einzelnes Volk gute Ergebnisse zeigt. Vielmehr möchte er eine möglichst einheitlich resistente Gruppe von Geschwistervölkern aufbauen, damit unerwünschte genetische Aufspaltungen reduziert werden.

Wie wird die Varroaresistenz gemessen?

Die Resistenzprüfung ist deutlich aufwendiger als eine gewöhnliche Kontrolle des Varroabefalls. Jungels arbeitet dabei eng mit Arista Bee Research zusammen. Die Prüfvölkchen werden unter möglichst vergleichbaren Bedingungen gehalten und anschliessend gezielt mit einer definierten Anzahl Varroamilben infiziert. Im beschriebenen Verfahren sind dies jeweils 120 Milben. Nach ungefähr 15 Tagen erfolgt die Untersuchung der verdeckelten Brut.

Dabei werden Brutzellen geöffnet und unter Vergrösserung untersucht. Die Prüfer erfassen, ob sich Milben in den Zellen befinden, ob diese Nachwuchs produziert haben und in welchem Entwicklungsstadium sich die Nachkommen befinden. Entscheidend ist nicht nur die Anzahl vorhandener Milben, sondern vor allem deren erfolgreiche Vermehrung. Auf diese Weise lassen sich resistente von weniger resistenten Zuchtvölkern unterscheiden.

Warum die Auszählung so wichtig ist

Ein niedriger Milbenbefall allein beweist noch keine genetische Resistenz. Er kann auch durch andere Faktoren entstehen, beispielsweise durch Unterschiede in der Brutentwicklung oder im ursprünglichen Befall. Mit standardisierten Prüfungen versucht Jungels, solche Einflüsse möglichst gering zu halten.

Besonders bemerkenswert sind seine Beobachtungen an Prüfvölkchen, bei denen trotz gezielter Infektion später überhaupt keine Milben in der untersuchten Brut gefunden wurden. Welche Mechanismen dieses Phänomen erklären, ist noch nicht abschliessend geklärt. Jungels vermutet unter anderem, dass bestimmte chemische Signale der Bienenbrut eine Rolle spielen könnten, die normalerweise das Eindringen der Milben in die Brutzellen begünstigen. Hier sieht er weiteren Forschungsbedarf und betont die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen praktischer Bienenzucht und Wissenschaft.

Varroaresistenz ist mehr als ein einzelnes Merkmal

VSH gehört zu den wichtigsten bekannten Resistenzmechanismen, ist jedoch nicht der einzige. Auch die eingeschränkte Vermehrungsfähigkeit der Milben spielt eine wichtige Rolle. Dafür werden unter anderem die Begriffe Suppressed Mite Reproduction (SMR) und Mite Non-Reproduction (MNR) verwendet.

Die genaue Beziehung zwischen VSH und der ausbleibenden Milbenvermehrung ist wissenschaftlich weiterhin Gegenstand der Forschung. Untersuchungen zeigen, dass beide Merkmale nicht einfach gleichgesetzt werden können. Insbesondere lässt sich die ausbleibende Vermehrung der Milben nicht in jedem Fall als direkte Folge des Ausräumverhaltens erklären.

Jungels verfolgt deshalb einen umfassenden Ansatz. Ihm geht es nicht nur um die Ausprägung eines einzelnen Hygienemerkmals, sondern um die tatsächliche Fähigkeit eines Bienenvolkes, die Entwicklung der Varroapopulation zu begrenzen. Dazu müssen vielversprechende Völker wiederholt geprüft und über mehrere Generationen gezielt miteinander verpaart werden. Eine einzige erfolgreiche Prüfung macht noch keine dauerhaft resistente Zuchtlinie. Erst durch konsequente Selektion und die Überprüfung mehrerer Nachzuchtgenerationen können gewünschte Merkmale in einer Population genetisch gefestigt werden.

Behandlungsfrei seit mehreren Jahren: Die Erfahrungen aus Luxemburg

Besonders eindrücklich sind die Ergebnisse, die Jungels aus seinem eigenen Betrieb vorstellt. Nach seinen Angaben wurden die Begattungs- und Zuchteinheiten auf seiner Zuchtstation zuletzt 2018 gegen Varroa behandelt. Bei den Wirtschaftsvölkern erfolgten die letzten regulären Behandlungen im Jahr 2020. Seither verzichtet der Betrieb bei seinen ausreichend widerstandsfähigen Völkern auf eine routinemässige Varroabehandlung.

Dabei betont Jungels ausdrücklich, dass weiterhin kontrolliert wird. Stark befallene oder erkrankte Völker werden nicht sich selbst überlassen, sondern bei Bedarf behandelt. Die Gesundheit der Bienenvölker steht auch in seinem Zuchtbetrieb im Vordergrund. Sein Ziel ist nicht, möglichst viele Völker einem Überlebenstest auszusetzen, sondern eine Population aufzubauen, die dank ihrer genetischen Eigenschaften langfristig mit der Varroamilbe zurechtkommt.

Ein weiterer interessanter Aspekt betrifft die Honigleistung. Jungels widerspricht der Vorstellung, dass varroaresistente Bienen zwangsläufig weniger Honig produzieren. Nach seinen Erfahrungen erzielen die heutigen Wirtschaftsvölker sehr gute Erträge, teilweise sogar höhere als frühere Generationen seiner Buckfastbienen. Diese Angaben sind wertvolle Praxiserfahrungen eines spezialisierten Zuchtbetriebs, lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres auf beliebige Bienenpopulationen und Standorte übertragen.

Keine Winterbehandlung mehr: Eine umstrittene Position

Eine der deutlichsten Aussagen des Vortrags betrifft die Oxalsäure-Winterbehandlung. Jungels lehnt sie für seinen Zuchtbetrieb grundsätzlich ab. Er argumentiert, dass eine sehr starke Reduktion der Milbenpopulation den Selektionsdruck verringert und bestimmte Resistenzmechanismen möglicherweise weniger deutlich zum Ausdruck kommen. Auch vermutet er, dass die Aktivierung vorhandener genetischer Eigenschaften durch den wiederholten Kontakt mit dem Parasiten beeinflusst werden könnte.

Solche Zusammenhänge, insbesondere die mögliche Bedeutung epigenetischer Prozesse, sind allerdings noch nicht ausreichend geklärt. Wichtig ist deshalb die Unterscheidung zwischen der speziellen Zuchtstrategie von Jungels und den allgemeinen Empfehlungen zur Bienengesundheit. Agroscope und der Schweizer Bienengesundheitsdienst empfehlen die Oxalsäurebehandlung im brutfreien Zustand weiterhin als wichtigen Bestandteil der Varroabekämpfung. Für gewöhnliche Wirtschaftsvölker ohne nachgewiesene Varroaresistenz wäre ein genereller Verzicht auf die Winterbehandlung deshalb mit erheblichen Risiken verbunden.

Befallsorientierte Varroabehandlung als möglicher Zwischenschritt

Interessant ist in diesem Zusammenhang das 2026 aktualisierte Konzept des Schweizer Bienengesundheitsdienstes zur befallsorientierten Varroabehandlung. Dabei werden die Völker während der Sommermonate einzeln überwacht. Eine Behandlung erfolgt nur, wenn der gemessene Milbenbefall die festgelegten Grenzwerte überschreitet. Voraussetzung sind eine sorgfältige, regelmässige Befallskontrolle und die Bereitschaft, bei Bedarf rasch einzugreifen.

Das Verfahren soll unnötige Sommerbehandlungen reduzieren und gleichzeitig ermöglichen, Bienenvölker mit einer besonders guten Kontrolle der Varroapopulation zu erkennen. Die Winterbehandlung bleibt allerdings auch bei dieser Methode vorgesehen. Damit bietet das Konzept einen interessanten Ansatz, um Bienengesundheit, gezielte Selektion und eine Reduktion der Behandlungseingriffe miteinander zu verbinden.

Was bedeutet das für die zukünftige Königinnenzucht?

Die Erfahrungen von Paul Jungels zeigen, welches Potenzial in einer konsequenten, über viele Generationen geführten Resistenzzucht steckt. Dabei geht es nicht darum, auf bewährte Eigenschaften wie Sanftmut, Schwarmträgheit, Vitalität oder Honigleistung zu verzichten. Vielmehr soll die Varroaresistenz als zusätzliches, langfristig entscheidendes Zuchtziel etabliert werden.

Eine besondere Bedeutung kommt dabei der väterlichen Seite zu. Durch gezielt ausgewählte Drohnenvölker, instrumentelle Besamung und kontrollierte Belegstellen lässt sich Resistenzgenetik schrittweise in bestehende Zuchtpopulationen integrieren. Voraussetzung sind sorgfältige Leistungsprüfungen, eine nachvollziehbare Abstammungsdokumentation und die Zusammenarbeit zwischen Züchtern. Gerade bei der Buckfastzucht bieten die Möglichkeiten der gezielten Linienkombination und der kontrollierten Paarung interessante Voraussetzungen, um Resistenzmerkmale langfristig in unterschiedlichen Zuchtstämmen zu verankern.

Jungels hält es für möglich, dass bis etwa 2033 die Voraussetzungen geschaffen werden können, um resistente Bienen deutlich breiter in der Imkerschaft zu etablieren. Das ist eine persönliche Prognose und keine wissenschaftlich gesicherte Zeitplanung. Sie verdeutlicht aber, dass Resistenzzucht langfristiges Denken verlangt und nicht innerhalb weniger Generationen abgeschlossen werden kann.

Fazit: Die Zukunft liegt in widerstandsfähigen Bienenvölkern

Die Varroaresistenzzucht hat in den vergangenen Jahren bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Was lange als kaum erreichbar galt, wird inzwischen in verschiedenen Zuchtprogrammen und spezialisierten Imkereien praktisch erprobt. Der Vortrag von Paul Jungels zeigt aber auch, wie viel Arbeit hinter diesen Erfolgen steckt. Es braucht genetisch geeignetes Ausgangsmaterial, kontrollierte Verpaarungen, zuverlässige Prüfverfahren und vor allem eine konsequente Selektion über mehrere Generationen.

Für die Imkerei liegt darin eine grosse Chance. Das langfristige Ziel sollte nicht allein darin bestehen, immer bessere Methoden zur Bekämpfung der Varroamilbe zu entwickeln. Mindestens ebenso wichtig ist die Zucht von Bienenvölkern, die mit diesem Parasiten aus eigener Kraft zurechtkommen.

Behandlungsfreie Imkerei darf dabei nicht der Ausgangspunkt sein. Sie kann das Ergebnis erfolgreicher Resistenzzucht werden.

---

Quellen und weiterführende Informationen

VarroaresistenzPaul JungelsBuckfastVSHSMRSDIKöniginnenzuchtVarroamilbe

Aus der Imkerei

Honig direkt vom Imker

Naturbelassener Honig aus eigener Ernte, Buckfast-Königinnen und Jungvölker – direkt aus Gunzwil.

Honig kaufenFrische Ernte