Warum mich VSH begeistert
Die Vorstellung, dass Bienenvölker den Varroabefall stärker aus eigener Kraft begrenzen können, treibt mich an. In der Zuchtgruppe IGEL engagiere ich mich gemeinsam mit anderen für varroaresistente Buckfast-Bienen. VSH spielt dabei eine wichtige Rolle.
Was mich besonders fasziniert, ist das Zusammenspiel zwischen dem Verhalten einzelner Arbeiterinnen und der Gesundheit des ganzen Volkes. Durch ihre Arbeit an der Brut können die Bienen die Vermehrung eines Parasiten stören. Diese Fähigkeit züchterisch zu fördern, verlangt Geduld, genaue Beobachtungen und verlässliche Prüfungen. Gerade darin liegt für mich der Reiz dieser Arbeit.
VSH einfach erklärt
Die englische Abkürzung VSH bedeutet Varroa Sensitive Hygiene, auf Deutsch etwa «varroasensitives Hygieneverhalten». Gemeint ist eine besondere Form der Bruthygiene: Arbeiterinnen erkennen von Varroamilben befallene Brut, öffnen die verdeckelten Zellen und entfernen die betroffenen Bienenpuppen.
Der Ausdruck «VSH-Königin» kann dabei leicht missverstanden werden. Das Ausräumen leisten die Arbeiterinnen. Die Königin ist für die Zucht wichtig, weil sie genetische Anlagen an ihre Nachkommen weitergibt. Auch die Drohnen, mit denen sie angepaart wird, tragen zur genetischen Ausstattung der Arbeiterinnen bei.
Die Forschungsstelle des USDA zum VSH-Verhalten beschreibt, wie dieses gezielte Ausräumen zur Varroaresistenz beitragen kann.
Wie das Ausräumen die Milbenvermehrung stört
Die Varroamilbe vermehrt sich in verdeckelten Brutzellen. Eine Muttermilbe legt dort Eier; ihre Nachkommen entwickeln sich während der weiteren Entwicklung der Bienenbrut. Für eine erfolgreiche Vermehrung müssen rechtzeitig fortpflanzungsfähige Tochterweibchen entstehen.
Räumen Arbeiterinnen die befallene Puppe vorher aus, wird dieser Fortpflanzungszyklus unterbrochen. Die noch unreifen Milbennachkommen können ihre Entwicklung nicht erfolgreich abschliessen. So kann VSH das Wachstum der Milbenpopulation bremsen.
Dabei wird nicht zwangsläufig jede Muttermilbe getötet. Sie kann die geöffnete Zelle verlassen und später erneut eine Brutzelle befallen. Entscheidend ist deshalb, wie wirksam das Verhalten die Milbenvermehrung im gesamten Volk und über längere Zeit begrenzt.
Bruthygiene und VSH sind nicht dasselbe
Bienen räumen auch tote oder anderweitig geschädigte Brut aus. Mit einem Nadeltest lässt sich beispielsweise untersuchen, wie schnell ein Volk künstlich abgetötete Brut entfernt. Das ist eine nützliche Information über sein Hygieneverhalten. Ein gutes Ergebnis belegt jedoch für sich allein noch keine hohe VSH-Ausprägung.
Auch das sogenannte Recapping ist zu unterscheiden: Dabei öffnen Arbeiterinnen verdeckelte Brutzellen und verschliessen sie wieder. Die Brut wird dabei nicht zwingend entfernt. Recapping und VSH können im selben Volk auftreten, sind aber unterschiedliche Beobachtungen.
Bei der Resistenzzucht begegnet dir ausserdem MNR, kurz für Mite Non-Reproduction. Damit wird die nicht erfolgreiche Vermehrung von Milben in untersuchten Brutzellen beschrieben. VSH bezeichnet dagegen das Ausräumverhalten der Bienen. Ein hoher MNR-Wert ist deshalb nicht automatisch ein direkter Nachweis für starkes VSH-Verhalten.
Warum sorgfältige Prüfungen entscheidend sind
Ein Volk mit wenigen Milben ist interessant für die Zucht. Aus einem einzelnen niedrigen Befallswert lässt sich aber noch nicht ableiten, wodurch dieser entstanden ist. Auch Brutpausen, vorausgegangene Behandlungen und die jeweiligen Haltungsbedingungen beeinflussen die Situation.
Für die Beurteilung von VSH gibt es unterschiedliche Prüfverfahren. In Forschungsversuchen wird beispielsweise beobachtet, wie stark Bienen gezielt mit Milben besetzte Brutzellen ausräumen. Kontrollzellen helfen dabei, die Reaktion auf den Milbenbefall von der Reaktion auf den Eingriff selbst zu unterscheiden. Bei anderen Auswertungen werden befallene Brutzellen geöffnet und die Milbenfamilien untersucht, um ihre erfolgreiche oder ausbleibende Vermehrung zu erfassen.
Diese Verfahren messen unterschiedliche Aspekte. Ein Prozentwert ist deshalb erst zusammen mit der Prüfmethode, der Stichprobengrösse und den Bedingungen aussagekräftig.
Eine Studie der Universität Hohenheim von 2024 zeigte deutliche Schwankungen sowohl zwischen wiederholten Prüfungen desselben Volkes als auch zwischen Generationen. Gute Ergebnisse der Eltern müssen deshalb an den Nachkommen überprüft werden. Für mich gehört diese Sorgfalt zur Zucht: Ein vielversprechender Wert ist ein Anlass, genauer hinzusehen und weiterzuprüfen.
Zuchtarbeit braucht das ganze Volk im Blick
VSH ist genetisch komplex und lässt sich nicht auf ein einzelnes «Resistenzgen» reduzieren. Gezielte Anpaarungen helfen, erwünschte Anlagen zusammenzuführen. Ob daraus im Tochtervolk tatsächlich ein überzeugendes Verhalten entsteht, muss sich in der Prüfung zeigen.
Mir ist dabei wichtig, mehrere Zuchtziele gemeinsam zu verfolgen. Varroaresistenz gehört für mich zu vitalen, sanftmütigen und leistungsfähigen Völkern. Die Nachzucht soll sich unter unseren Bedingungen bewähren.
In der Zuchtgruppe IGEL arbeiten wir gemeinsam an diesem langfristigen Ziel. Der Austausch von Wissen und Erfahrungen ist für mich ein wesentlicher Teil davon. Diese Aufgabe verbindet die Faszination für die Bienen mit der Bereitschaft, über Generationen hinweg sorgfältig auszuwählen.
Was VSH für die Betreuung der Bienen bedeutet
Ein hoher VSH-Wert ist keine pauschale Garantie, dass ein Volk ohne Varroabehandlung auskommt. Der tatsächliche Befall muss weiterhin kontrolliert und bei Bedarf rechtzeitig eingegriffen werden. Für ein Vorgehen nach dem gemessenen Befall bieten das Zentrum für Bienenforschung und der Bienengesundheitsdienst Informationen zur befallsorientierten Varroabehandlung.
Mein Ziel sind Bienen, die den Parasiten besser selbst begrenzen können. VSH ist dafür ein wichtiger Ansatz unter mehreren. Mich begeistert die Aussicht, durch gemeinsame Zuchtarbeit Schritt für Schritt Völker zu fördern, deren natürliche Abwehr im Alltag verlässlich trägt.
